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Eines unserer Ziele in England war ein Pferderennen zu besuchen, möglichst Ascot. Das traditionsreichste Pferderennen, erstmals 1711 etabliert und immer noch unter der Schirmherrschaft des englischen Königshauses. Relativ schnell mussten wir feststellen, dass dieser Wunsch für uns doch etwas zu ambitioniert war. Preislich hat das nicht ganz mit unseren Vorstellungen und unserem Leben als armer Freiwilliger übereingestimmt.
Unser Plan B war Brighton Racecourse. Eine wunderschöne Pferderennbahn, mit Blick auf das Meer und wunderschönem englischen Rasen.
Einzige Herausforderung war nur noch der Dresscode. Man kann unmöglich ohne Hut auf ein englisches Pferderennen gehen. Das hat uns doch einiges Kopfzerbrechen bereitet. Immerhin sind wir dabei, unsere Klamotten nach Deutschland zu schaffen. Da hat man nicht einfach mal das perfekte Kleid mit den perfekten Schuhen und vor allem DEM Hut. Als unsere Rettung sollte das Kostümdepartment der Schule herhalten. An sich eine super Idee. Passende Kleidung, schicke Schuhe und vor allem eine riesige Auswahl an Hüten. Unser an sich perfekter Plan B hatte nicht mit eingeplant, dass unsere Schule überwiegend Mädchen im Alter von 12 bis 16 beherbergt und diese etwas kleiner sind als wir. Daher sollte es darauf hinauslaufen, dass wir eher ungewöhnlich modern und unkonventionell zu unserem ersten Pferderennen gehen sollten. Keinerlei Ahnung von Pferderennen, Pferdewetten oder Pferden überhaupt. Dafür aber mit einem übermäßig großen Selbstbewusstsein – was wir aufgrund unserer Kleidung auch brauchten. Selten war ich so glücklich, mich hinter einer Sonnenbrille verstecken zu können. In der festen Überzeugung, dass es zu unserem Image passen würde, möglichst zu schweigen und, wenn überhaupt, leicht zu lächeln, verbrachten wir also die meiste Zeit zwischen den Rennen in bedächtigem Schweigen. Zu unserem Vorteil höchstwahrscheinlich, weil jeder der entweder hochreichen Herren, die sich an ihr Champagnerglas festklammerten oder spielsüchtigen Gestalten, die vor den Bildschirmen festhingen, in dem Moment, in dem wir unseren Mund aufgemacht hätten, realisiert hätten, dass wir absolut kein Wissen über irgendetwas haben, was auch nur annähernd mit der Situation zu tun hatte, in der wir uns befanden. Aber wie gesagt. Schweigen und lächeln. Darin waren wir recht gut.
Unser Glanzmoment sollte allerdings noch kommen. Nach einigen Rennen hatten wir erkundet, wie man wettet. Und was ist ein Pferderennen oder Wetteinsatz? Das wäre ähnlich wie ein Pferderennen ohne Hut. Und daher Nichts. Mutig, hinter der Sonnenbrille versteckt, den Hut tief in die Stirn gezogen, wagte ich mich an die nette Dame hinter dem Schalter heran um leise, kaum verständlich zu fragen, was der geringste Wetteinsatz wäre. Man kann bei einem Pferderennen so ziemlich auf alles wetten, das hatten wir herausgefunden. Für uns blutige Anfänger gab es allerdings nur eine Option: Darauf setzte, dass ein bestimmtes Pferd gewinnt. Relativ simple. Allerdings wird die Sache dadurch stark erschwert, dass man auf jedes Pferd setzten kann, denn als blutiger Anfänger kann man leider weder mit den Namen der Pferde, noch Jockeys, noch Rennställe etwas anfangen. Da helfen auch keine Kurzbeschreibungen. Aber man lässt sich ja in seinen Entscheidungen durch so einiges beeinflussen. Für uns war es die deutsche Nationalmannschaft. 0:4 gegen Australien, 4:1 gegen England, 4:0 gegen Argentinien.
Mit dem Mindesteinsatz – dafür mit einem riesengroßen Stolz – in zwei verschiedenen Rennen jeweils auf die 4. Und was soll man sagen? Trotz anfänglicher Probleme unserer Pferde – das eine wollte nicht aus seiner Startbox rauskommen, das andere gar nicht erst rein – haben wir zweimal gewonnen. Gut, eigentlich haben die Pferde gewonnen. Oder sollte ich sagen, die Jockeys oder die Reitställe? Keine Ahnung. So weit hat sich mein Wissen nicht erweitert. Ich kann nur sagen, dass die Herren neben uns verloren haben, mit ihrem Wetteinsatz von 500 Pfund, so weit ging mein Verständnis von dem allem. Und ich kann sagen, dass wir sicherlich, wenn auch, mit Kleidern aus dem Kostümdepartment und keinerlei Wissen über Pferderennen, die ungewöhnlichsten Besucher, gleichzeitig die fröhlichsten und glücklichsten an diesem Tag waren.





